Osteopathie für Babys – 3 Monats Koliken

 

Mit dem Begriff „Dreimonatskoliken“ sind Bauchschmerzen gemeint, die teilweise mit starken Blähungen einhergehen. Häufig schreien die Kinder viel und sind unruhig. Es scheint, als sei die Verdauung echte Schwerstarbeit für den kleinen Körper. Die Bezeichnung ist etwas irreführend, da die Beschwerden unterschiedlich lange anhalten können, teilweise bis zu 8 Monaten. Die eigentliche Diagnose „Dreimonatskoliken“ setzt voraus, dass das unstillbare Schreien über mindestens 3 Wochen an mindestens 2 Tagen/Woche vorkommt und mehr als 2 Stunden/Tag anhält (Möckel und Mitha 2009).

Osteopathie Behandlung Baby
Als Ursache wird eine Vielzahl möglicher Faktoren diskutiert. Die Forschung deutet darauf hin, dass unverdaute Laktose in den Dickdarm gelangt und dort fermentiert, was eine Gasbildung mit sich bringt (Marieb 1998; Möckel und Mitha 2009). Als weitere mögliche Ursache kommt die fehlende Sekretion von Laktase- Dehydrogenase infrage, womit eine Laktoseintoleranz einhergeht. Studien zeigen, dass 62% der Kolik-Babys unter einer unvollständigen Laktose Verdauung leiden (Miller 1991). Die Folge sind „Luft im Bauch“, eine hohe Spannung im Abdomen und Blähungen. Die betroffenen Kinder sind nach dem Füttern zunächst recht ruhig. Symptome treten erst auf, wenn die nicht verdaute Laktose im Darm zu gären beginnt – ein Prozess der erst 90-120 min nach dem Essen einsetzt (Möckel und Mitha 2009).
Auch eine genetische Disposition scheint eine Rolle zu spielen (Liebmann 1981; Hogdall et al. 1991). Zudem scheint Stress ein entscheidender Faktor zu sein, der das Auftreten von „Dreimonatskoliken“ stark begünstigt: Pränataler Stress (vor der Geburt), also Stress der Schwangeren vor der Geburt z.B. in Form von psychischem Stress oder Medikamenteneinnahme wirken auch auf den Fötus und können nach einer gewissen Zeit nicht mehr von der Mutter gepuffert werden. Es kommt zu einer erhöhten Erregbarkeit des Nervensystems beim Kind, was es anfälliger für Koliken macht (Möckel und Mitha 2009; Nathanielz 1999; Relier 1996).
Forschungsergebnisse haben gezeigt, dass auch Stress der Eltern zu einer Verschlimmerung der Kolik-Symptome führen kann (Wessel 1954; Forbes 1994; Möckel und Mitha 2009).

Medikamente – 3 Monats Koliken

Häufig verschreiben Kinderärzte den verzweifelten Eltern Tropfen und Tabletten, die gegen die Koliken helfen sollen. Im Folgenden sind die häufigsten Mittel kurz aufgeführt:
„BiGaia Tropfen“ gehören zu den diätetischen Lebensmitteln und sind zur besonderen Ernährung bei Verdauungsstörungen wie z.B. Säuglingskoliken gedacht.
Sie enthalten ein Milchsäurebakterium namens Lactobacillus reuteri Protectis, das ursprünglich aus der Muttermilch isoliert wurde. Es unterstützt die gesunde Darmflora des Babys. Die Tropfen enthalten weder Lactose noch beta-Lactoglobulin und sind daher als Bestandteil einer allergenarmen Ernährung möglich“ (Martina Höfel, Hebamme). In der Praxis haben wir die Erfahrung gemacht, dass die Tropfen die Behandlung gut unterstützen können, wenn das Problem die Darmflora betrifft. Liegt die Ursache nicht in der Darmflora, dann bleiben die Tropfen ohne Wirkung. Eine Verschlechterung durch die Gabe von BiGaia konnten wir bisher nicht beobachten.
„Sab Simplex“, ein Entschäumer wird neben „Lefax“ häufig empfohlen. Die Entschäumer haben jedoch mehrere Bestandteile, die bei einem entsprechend disponierten Säugling (z.B. mit allergischem Hintergrund aus der Familie) starke Immunreaktionen hervorrufen können. Es kann die Entwicklung einer Allergie begünstigt werden: Himbeer- und Vanille-Aroma, Citronensäure und ebenso verschiedene Süßstoffe. Unsere Erfahrungswerte in der Praxis zeigen, dass es keinen sicheren Einfluss auf die Koliken gibt. In wenigen Fällen ist ein positiver Effekt zu beobachten, oft zeigt sich jedoch keine Wirkung. Es ist nicht auszuschließen, dass der kurzzeitige Effekt auf die Geschmacksstoffe zurückzuführen ist, die das Kind einfach lecker findet und dadurch abgelenkt wird.
In der Praxis haben wir die Erfahrung gemacht, dass auch die toxischen Bestandteile des Leitungswassers, wie z.B. Schwermetalle und Medikamentenrückstände, einen großen Effekt auf den Verdauungstrakt haben. Da die Kinder über die Muttermilch auch in Kontakt damit kommen, wenn die Mutter Leitungswasser trinkt, kann dieser eine entscheidende Faktor sein, der sich auch auf die Verdauung auswirkt.

3 Monats Koliken aus Sicht der Osteopathie

Durch eine fixierte Hals- und Kopfhaltung kommt es zu einem Ungleichgewicht verschiedener Muskelgruppen und damit zu einer Schwächung der Bauchmuskeln, wodurch dem Darm das Widerlager fehlt. Es kommt zu verringertem Tonus auch der Darmmuskulatur selbst und dadurch zu Blähungen, was wiederum Druck auf die Bauchdecken ausübt und das Baby ins Hohlkreuz drückt (Biedermann 2007, Bloß 2013).
Dazu kommt, dass bei einigen Kindern der Mund Schluss nicht optimal ist und sie dadurch vermehrt Luft schlucken, was die Tendenz zu Blähungen noch verstärkt. So kommt es zu den sogenannten „Dreimonatskoliken“ (Biedermann 2007).
Stress während der Geburt wie „Geburtsstillstand“ oder „stecken bleiben“ z.B. kann dazu führen, dass es zu Kompressionen im Bereich des Schädels kommt. Dadurch können Blockaden oder Spannungen entstehen:
Zum Symptom Komplex Weinen, Reizbarkeit und Koliken lässt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit eine feste Schädelbasis finden. Gemeint ist hiermit eine erhöhte Densität im Bereich der Schädelbasis. Allerdings ist zu betonen, dass beim Säugling die Darm Motilität- und Funktion anfänglich noch unreif ist, weshalb nicht alleinig die feste Schädelbasis für Koliken verantwortlich gemacht werden kann (Carreiro 2004).
Eine Irritation der Kopfgelenke bzw. Spannungen zwischen dem Os Occipitale und dem Os Temporale (Schädelknochen) führen zu einer Verengung des Foramen Jugulare und somit zu einer Beeinträchtigung der hier austretenden Strukturen. Im Foramen Jugulare verlaufen die V. jugularis, sowie die Hirnnerven 9 (N. glossopharyngeus), 10 (N. vagus) und 11 (N. accessorius). Auch durch Spannungen des Bindegewebes, der Muskeln oder der Knorpelkomponenten können die empfindlichen Strukturen, die durch das Foramen jugulare verlaufen, sowie der N. hypoglossus (12. Hirnnerv), der durch den Canalis nervi hypoglossi tritt, gereizt werden (Opalka 2008; Wildgruber 2012; Carreiro 2004; Meusel 2014).
Als Folge eines irritierten N. glossopharyngeus können Saug- und Schluckstörungen auftreten.
Vegetative Störungen mit Hypertonus des Magen- Darm- Trakts und somit den funktionellen Beschwerden der Säuglinge wie Schluckauf, Spucken, schlechtes Aufstoßen, Probleme beim Stuhlgang und Blähungen, können Folge eines beeinträchtigten N. vagus sein (Opalka 2008; Wildgruber 2012; Carreiro 2004; Meusel 2014). Der N. vagus ist ein Hirnnerv, der einen Großteil unseres Verdauungstrakts versorgt. „Klinisch wird der N. vagus durch Läsionen der Halswirbel, des Zungenbeins, der oberen Brustwirbel und der oberen Rippen, sowie durch Muskelkontrakturen in diesen Regionen und peripher durch Fremdkörper oder Erkrankungen der Schleimhaut, welche die verschiedenen vom N. vagus irritierten Höhlen auskleidet, in Mitleidenschaft gezogen.“ (Clark 2005).
Die Praxis zeigt, dass eine Osteopathie Behandlung der betroffenen Strukturen meist zu einer deutlichen Verbesserung der Beschwerden führt.

Literaturverzeichnis:

Biedermann, H. (2007): KISS-Kinder. 3. Auflage Stuttgart: Thieme Verlag.

Bloß, C. (2013): Die funktionelle Säuglingsasymmetrie- Welche Risikofaktoren spielen eine wichtige Rolle und in welchem Zusammenhang stehen die Anpassungsstörungen?. 1. Auflage Saarbrücken: AV Akademikerverlag .

Carreiro, J. E. (2004): Pädiatrie aus osteopathischer Sicht: Anatomie, Physiologie und Krankheitsbilder. 1. Auflage München: Urban & Fischer .

Clark, M. E. (2005): Angewandte Anatomie. 1. Deutsche Ausgabe: Édition Spirales .
Guerrassimiouk, D. (2012): „Die physiologische Entwicklung in den ersten Lebensjahren“. DO- Deutsche Zeitschrift für Osteopathie, 2012, Nr. 4, pp. 23-27.

Forbes, D (1994): Abdominal Pain in Childhood. Australian Family Physician 23, 1994:347-357.

Marieb, E. (1998): Human Anatomy and Physiology. 4. Auflage, Cummings, 1998.

Meusel, Sophie (2014): „Ist die osteopathische Behandlung eine effektive Alternative zur schul-medizinischen Behandlung von Kindern mit dem sogenannten „KiSS-Syndrom“?“ Abschlussarbeit, ECOM- European College of Osteopathic Medicine.

Miller A, Barr R (1991): „Infantile Colic, is it a Gut Issue?“ Paediatric Clinics of North America 38 (6), December 1991.

Möckel, E., Mitha, N.(2009): Handbuch der pädiatrischen Osteopathie. 2. Auflage München: Elsevier Verlag (Urban und Fischer).

Nathanielz, P.(1999): „Life in the womb- the origin of health and disease”. Promethean, Yew York.
Opalka, M (2008): „Das KiSS-Syndrom: nicht existent oder tägliches Brot?“. DHZ – Deutsche Heilpraktiker Zeitschrift, 2008
Nr. 3, pp. 34 – 37.

Relier, J-P. (1996): “Influence of Maternal Stress on Fetal Behaviour and Brain Development”; Biol Neonate 69, 1969: 165-212.

Schünke, M.; Schulte, E.; Schumacher, U.; Voll, M.; Wesker, K. (2009): Prometheus- Kopf, Hals und Neuroanatomie. 2. Auflage Stuttgart: Thieme.

Wessel M, Cobb J, Jackson E et al.: Paroxysmal ´Fussing`in Infancy, Sometimes Called “Colic”. Paediatrics 14 (5), Nov. 1954.

Wildgruber, H. (2012): „Geburtstraumatisch bedingte Blockierungen an Schädel, Wirbelsäule und Becken des Säuglings“. OM- Osteopathische Medizin, 13. Jahrg., Heft 2/2012, S. 9-11, Elsevier GmbH- Urban & Fischer.

 

Ich weise darauf hin, dass in der Benennung der aufgeführten Erkrankungen selbstverständlich kein Heilversprechen oder die Garantie einer Linderung oder Verbesserung aufgeführter Krankheitszustände liegen kann. Anwendungsgebiete der Naturheilkunde beruhen auf Erkenntnissen und Erfahrungen der Therapierichtungen selbst. Es existieren keine relevanten gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse, das heißt Evidenz basierte Studien, die die Wirkung bzw. therapeutische Wirksamkeit der Naturheilkunde belegen.

Einige der aufgeführten Erkrankungen bedürfen einer schul medizinischen Abklärung, oder werden begleitend zur ärztlichen Intervention in der Naturheilpraxis behandelt.

Ihr behandelnder Therapeut wird Sie beraten, ob die Behandlung Ihrer Erkrankung als alleinige Therapie der Naturheilkunde, bzw. begleitend zur ärztlichen Intervention sinnvoll ist, oder der sofortigen Abklärung eines Facharzt bedarf.

 

Autor: Sophie Meusel (Praxis Osteopathie & Naturheilkunde Berlin)

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